Warum wir Gefühls-ignorante Aussagen treffen
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Die Gefühls-ignorante Art

Kürzlich sah ich ein Elternpaar mit ihrem Kleinkind auf dem Spielplatz. Der Vater verabschiedete sich, weil er noch etwas zu erledigen hatte. Daraufhin begann das Kind zu weinen und rief nach seinem Papa. Die Mutter setzte sich zum Kind und erwiderte mit ausdruckslose Miene: „Da gibt es doch keinen Grund zu weinen. So schlimm kann das doch nicht sein. Papa kommt bald wieder. Hopp, geh wieder spielen.“ Das Kind schaute die Mutter verdattert an, schluchzte noch eine Weile vor sich her und lief davon.

Was ich in dieser Szene wahrnahm war ein trauriges Kind, wessen Gefühle weder bestätigt noch anerkannt wurden. Die Mutter zeigte kaum Mitgefühl und bagatellisierte die Gefühle des Kindes. So bekommt es vermittelt, dass seine Gefühle uninteressant und grundlos sind.

Ähnlich wie in der ersten Szene haben viele von uns als Kinder gelernt, dass unsere Gefühle nicht wichtig sind. Unter anderem fällt es uns deshalb so schwer unsere Mitmenschen in ihren Gefühlen ernst zu nehmen.  Wir geben somit, in der Kindheit gelernte Gefühls-ignorante Aussagen von uns wie zum Beispiel:

„Das ist doch nicht so schlimm“

“Es gibt doch keinen Grund jetzt wütend zu werden“

„Was ist mit dir los? Hast du einen schlechten Tag?“

“Deine Traurigkeit geht wieder vorbei, glaub mir!“

„Du sitzt bereits länger in diesem Loch. Raff dich mal wieder auf.“

„Du siehst ja Scheisse aus. Hast du die Nacht durchgemacht?“

Wenn ich den Twitter-Feed #NotJustSad verfolge, kennen die meisten depressiven oder verstimmten Mitmenschen ähnliche Gefühls-ignorante Aussagen und leiden darunter.

Die Wirkung Gefühls-ignoranter Aussagen

Was bewirken Gefühls-ignorante Aussagen? Stell dir vor du bist traurig und dein bester Freund meint dazu: “Das ist nicht so tragisch. Es vergeht wieder.” Arbeitskollegen äussern sich auf dieselbe Art und Weise. Was macht das mit dir?

Vom Verstand her betrachtet vergehen Gefühle tatsächlich mit der Zeit. Doch Fakt ist: Du fühlst jetzt, zu diesem Zeitpunkt traurig. Durch eine solche Aussage wirst du dich von deinem Umfeld kaum verstanden fühlen.

Gehen wir einen Schritt weiter. Diese Traurigkeit bleibt. Je länger du dich traurig fühlst, desto grösser wird das Unverständnis deiner Mitmenschen. Irgendwann beginnen sie zu sagen: „Du bist immer noch traurig? Schon komisch, dass du schon soooo lange traurig bist.“ Diese Aussagen erzeugen Druck und ein schlechtes Gewissen, weil du es immer noch nicht geschafft hast deine Traurigkeit zu überwinden. Vermutlich wirst du dich von dem unverständnisvollen Umfeld gefühlsmässig zurückziehen. Dieser Rückzug macht sich oftmals bemerkbar indem du deine Gefühle unter einer Maske verbirgst und gute Miene zum Bösen Spiel machst. Vielleicht beginnst du deine Gefühle zu ignorieren in der Hoffnung dem Druck zu entfliehen. Es ist allerdings eine Scheinlösung, denn das ignorierte Gefühl ist immer noch da, auch wenn du es momentan nicht spürst.

Kurz gesagt: Gefühls-ignorante Aussagen erzeugen Druck und ein schlechtes Gewissen.

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Warum wir Gefühls-ignorante Aussagen treffen

Meiner Ansicht nach zählt der Intellekt in unserer Gesellschaft immer mehr. Wir meinen erfolgreich sein zu müssen und glauben dies nur mit unserem Verstand erreichen zu können. Wir zwingen uns durch ein Studium um einen gut bezahlten Job zu ergattern. Der Bachelor genügt dabei nicht, der Master muss auch noch her. Womöglich alles berufsbegleitend, damit wir effizient sind und die Karriereleiter möglichst schnell hochklettern können. Weil wir so viel schuften verlieren wir den Bezug zu unseren Gefühle und Empfindungen. Durch den ganzen Stress stumpfen wir uns regelrecht ab und reduzieren damit unsere Empathie.

Wir mutieren regelrecht zum Kopfmensch. Zeigt jemand Gefühle versuchen wir dies mit unserem Verstand zu erfassen, argumentieren mit Worten und ohne jeglichen emotionalen Bezug. Wir verstehen die Gefühle nicht mehr. Wie auch? Der Bezug dazu haben wir uns, bereits als Kinder, abtrainiert.

Unter Umständen halten wir Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Frust, etc. gar nicht mehr aus. Wir bewerten sie als negativ weil sie sich unangenehm anfühlen. Treffen wir diese für uns unangenehmen Gefühle im Äusseren an, sollen sie gefälligst so schnell wie möglich verschwinden.

Was uns in dieser Hinsicht bleibt ist entweder die Flucht zu ergreifen oder die Emotionen wegzudiskutieren. Mit Aussagen wie “Das kann doch nicht so schlimm sein”, “Lass es sein”, etc. schaffen wir Distanz in der Hoffnung uns mit den Gefühlen anderer nicht auseinandersetzen zu müssen. Denn Gefühle sind irrational und fühlen sich schlecht an.

Kurz gesagt: Weil wir Gefühle nicht aushalten treffen wir Gefühls-ignorante Aussagen.

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Typischer Umgang mit den eigenen Gefühlen

Da uns in emotionalen Situationen oftmals Unverständnis entgegengebracht wird, lassen wir unsere Gefühle erst gar nicht mehr zu. (z.B. Wenn sich jemand an belustigt in dem er Sarkasmus an uns anwendet.) Es scheint eine schmerzfreiere Lösung zu sein sie zu unterdrücken als uns von Gefühls-ignoranten Aussagen verletzen zu lassen. Anstatt uns zu öffnen ziehen wir uns zurück. In vielen Fällen stülpen wir uns eine Maske über und tun so als ob alles in Ordnung wäre. Doch in Tat und Wahrheit brodelt es im Inneren. Bestenfalls öffnen wir uns bei ausgewählten Personen und können so ein wenig Druck ablassen. Denn bei ihnen fühlen wir uns angenommen, verstanden und wertgeschätzt.

Kurz gesagt: Wir ziehen uns zurück und öffnen uns sehr selektiv

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Wie stehst du zu deinen Gefühlen? Wie nimmst du sie wahr und wie drückst du sie aus? Kannst du dich mit dem Artikel identifizieren?

Herzlichst

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